Sonntag, 24. Oktober 2010

Der Strich

Schnell war alles vorüber, dachte ich. Doch es war erst der Anfang. Ich war nur kurz, etwa 4cm, und so dünn, wie eine Stecknadel. Wenige Millisekunden später, nachdem ich meiner selbst bewusst wurde, erdrückte mich jemand. Nicht schlimm, dachte ich, doch wusste ich in diesem Moment auch noch nicht, dass weitere folgen würde. Nein, ich wusste es nicht, ich wusste gar nichts. In dem Moment erdrückte mich noch jemand, und auf den folgten noch mehr. Als hätte jemand, sich den Folgen für mich absolut bewusst, diese Tortur veranstaltet, um mich absichtlich zu quälen. Doch, was darf ein banaler Bleistiftstrich, wie ich einer bin, schon sagen. Er muss gehorchen, er kann gar nicht anders.

Ah, es schmerzte immer mehr. Ein lautes Gejammer fing an, jeder fing an zu meckern, wollte seinen Senf noch dazu geben; " Eine Unverschämtheit!" rufte einer. "Hör auf, hör auf, du dummes, kleines Kind, du!" hörte ich ein anderer schreien.
Da hörte ich ein lachen, ein lautes quikendes Lachen, das unmöglich von einem Bleistift stammen konnte. Ich schwitzte wie ein Rind, und mein Magen verdrehte sich schmerzlich, als wolle er sich gegen diese Ungerechtigkeit wehren. Dann, in dem ganzen Getummel, spürte ich eine Bleistiftspite in meiner Brust, sie drückte so fest, dass ein Loch im Papier entstand, und ich schwand, glücklich, dass alles vorüber war, in meinen ganz eigenen Bleistiftstrich-Himmel dahin. Och, war das eine Befreiung!

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